Page 22 - German Council Magazin 03.2019
P. 22
GERMAN COUNCIL . TRANSFORMATION
Alte Industriebauten, Holiday Inn hochgezogen. Mit 18 Stockwer-
ken und einer Höhe von 60 Metern ist es das
neue Quartiere höchste Gebäude der City Nord. Als 2017 die
schon lange leer stehende »Problemimmobi-
lie« Oberpostdirektion, die modernen Brand-
schutzansprüchen nicht mehr genügte, dem
Die Grenzen zwischen Arbeiten, Wohnen, Freizeit und Handel Abrissbagger zum Opfer fiel, machte dies end-
verschwinden zunehmend. Immer häufiger werden daher einstige gültig den Weg frei für die Entwicklung eines
Mononutzungen in urbane Quartiere umgewandelt. Dafür bedarf es Stadtteils, in dem künftig Wohnen und Arbei-
ten gleichermaßen stattfinden soll.
weitsichtiger Politiker und tatendurstiger Projektentwickler. Und
natürlich Investoren, die an die Standorte glauben Mit dem Projekt »Ipanema« fließen rund 200
Millionen Euro in geförderten und frei finan-
zierten Wohnungsbau sowie in rund 100 Ei-
gentumswohnungen. Zur Gesamtinvestition
Man mag sie oder findet sie schrecklich. Da- Vor allem Versicherungen, Mineralölkonzerne, gehören neben 30 Prozent Büroflächen auch
zwischen gibt es nicht viel. Kein Quartier in die Oberpostdirektion wählten den flughafen- Stellplätze und Tiefgaragen, die sonst schon
Hamburg polarisiert so stark wie die City nahen Standort als Quartier, das spätestens Mangelware in Hamburg sind. Das Architek-
Nord. Ein Stadtteil, der für die einen die »bru- gegen Abend zur Geisterstadt verfiel. Ent- tur Centrum Hamburg hat das Projekt mit
tale Architektur« der 1970er-Jahre bedeutet, sprechend schlecht war das Image der City dem vielversprechenden Namen »Ipanema«
für die anderen als Sinnbild für Wirtschafts- Nord, als sich die Idee des urbanen Lebens – benannt nach dem schicken Stadtteil in Rio
aufschwung und die viele Jahrzehnte gelten- immer stärker durchsetzte. Immer mehr Un- de Janeiro, der sich unmittelbar an den wohl
de Maxime steht: Arbeiten und Wohnen müs- ternehmen suchten in der Innenstadt, der City berühmtesten Strand der Welt, den Copaca-
sen streng voneinander getrennt sein. Süd und der neu entstehenden HafenCity bana, anschließt – mit dem Ideenpreis 2017
Standorte für ihre Firmensitze – nicht zuletzt, ausgezeichnet. Die Begründung: »Hier wer-
Und als solches hat die City Nord, die giganti- weil junge Mitarbeiter sich heutzutage nicht den der City Nord organische Formen hinzu-
sche Bürokomplexe dominieren, Architektur- mehr für abgelegene Arbeitsorte begeistern gefügt, die die Gesamtgestaltung der moder-
geschichte geschrieben. Die Planer der City lassen. Als die 117 Hektar umfassende nörd- nen Bürostadt im Grünen nach dem Prinzip
Nord haben sich bei Planung und Bau des lich des Stadtparks in Winterhude gelegene Licht, Luft, Sonne aus den 1960er- und 1970er-
monofunktionalen Standorts noch stark an und inzwischen auch in die Jahre gekomme- Jahren bewahrt und gleichzeitig im Maßstab
der »Charta von Athen«, die der Architekt Le ne Bürostadt immer unattraktiver wurde, wa- zwischen den vorhandenen großformatigen
Corbusier bereits in den 1930er-Jahren for- ren Politik und Wirtschaft gefordert – und »Elefanten auf der Wiese« vermittelt. Wider
muliert hatte, orientiert und eine reine Arbeits- handelten: Bereits Ende 2014 wurde an der die Funktionstrennung wird das Wohnen in
stadt geschaffen, deren Grünflächen das ein- Ecke Überseering/Jahnring das alte BP-Ge- der City Nord kombiniert mit großflächiger
zige Leben außerhalb der Arbeitszeiten dar- bäude abgerissen und neben der neuen Tele- Grün- und Erholungsqualität, dem »Jardim de
stellten. kom-Zentrale ein Vier-Sterne-Hotel der Kette Ipanema«. Diese Idee könnte das Zeug ha-
ben, ein Vorbild zu einem Quartier des 21.
Jahrhunderts zu werden.«
Das versucht man auch andernorts – wenn
auch in kleinerem Umfang und in anderem
Kontext. Aber das Thema »Urbanität« ist eben-
so in Mainz, Berlin oder Köln der Treiber der
Transformation alter Gewerbestandorte. Der
Gedanke: weg von einseitiger Nutzung hin zu
lebhaften Quartieren mit »Aufenthaltsquali-
tät«, wie es im neudeutschen Branchensprech
häufig heißt. Im Carlswerk in Köln-Mülheim,
wo 1904 die ersten transatlantischen Telefon-
kabel gefertigt wurden, haben sich binnen
zehn Jahren zahlreiche Firmen, Start-ups, Re-
staurants, Showrooms, eine Kletterhalle und
das Schauspiel Köln angesiedelt.
Damit hat sich das einst aufgegebene Indus-
trieareal zu einem modernen Gewerbequar-
Tranformierter Standort: Das einstige Carlswerk in Köln-Mülheim tier gewandelt, das man beim Projektentwick-
20 GCM 3 / 2019

